Wieviel Schutz kann die Freiheit vertragen?
Geschrieben von TeoDie Debatten um Netzsperren, Waffengesetze und eine Aussage von Jackie Chan stimmen mich nachdenklich. Ich bin ein Freund klarer Verhältnisse, aber das Leben ist nunmal nicht binär. Aus diesem Grund ist es einigermaßen schwierig Grenzen klar zu definieren, was Verbote und Kontrolle durch den Staat angeht. Wieviel Freiheit wollen wir für unsere Sicherheit aufgeben? Welcher Grad des Kompromisses ist wirklich sinnvoll? Wenn man ein Verbot von Gotcha und Laserdrom damit begründet, es würde Töten simuliert, müsste man dann nicht auch Wasserpistolen und Cowboy-Spiele verbieten? Was ist mit dem Strecken des Zeigefingers bei geschlossener Faust? Ist dies nicht die Nachahmung einer Schusswaffe, mit der man in seiner Vorstellungskraft Menschen erschießt? Weitere Bereiche des fast alltäglichen Lebens schließen sich hier an. Sind Würstchen, die man an Halloween mit Mandeln und Ketchup verziert nicht die Simulation schrecklicher Verstümmelungen? Diese Beispiele mögen lächerlich klingen, sorgen aber durchaus für Probleme, wenn man die Erklärungen für die Verschärfung von Waffengesetz und Jugendschutz konsequent weiter denkt.
Schon dadurch, dass wir in einer Gesellschaft und nicht allein als Einsiedler leben, haben wir einen Teil unserer Freiheit gegen eine höhere Sicherheit getauscht. Wir unterwerfen uns tagtäglich Regeln, die für das Zusammenleben von Menschen unerlässlich sind. Das geht von allgemeinen Umgangsformen, wie einem "Gesundheit" nach einem Nieser, über Formalia, wie einer gemeinsamen Schrift und dem Einhalten der Rechtschreibung, bis hin zu Anti-Terror-Gesetzen und dem Zahlen von Steuern. Dies alles schränkt unsere Freiheit zu einem gewissen Grade ein. Die Frage ist nur, wo man die Grenze ziehen muss. Wie viel Freiheit will man dem Zusammenleben opfern und wieviele Opfer sind dafür überhaupt wirklich nötig? Wenn ein Prominenter, wie Mister Chan, sagt, dass Menschen Kontrolle bräuchten und Freiheit für Chaos sorge, dann setzt dies eine Denkweise voraus, die den Menschen weniger als Individuum und mehr als Teil eines großen Ganzen sieht. In der westlichen Welt haben die meisten Menschen eher ein Menschenbild, in dessen Zentrum das Individuum steht. Genau das ist auch der Grund, wieso die Diskussionen um schärfere Gesetze so viel Kritik auf den Plan rufen. Viele Menschen in Deutschland möchten nicht mehr von ihrer Freiheit preisgeben.
Ich sehe außerdem die Gefahr, dass manche die Verantwortung von sich selbst auf den Staat abwälzen. Wenn ich als Zwölfjähriger GTA 2 gespielt habe, war das nicht die Schuld des Staates, denn selbst damals war es erst ab 16 freigegeben. Meine Eltern haben einfach versäumt ab und an nachzuschauen, was ich da am Rechner anstelle. Computer und Internet sind, genauso wie Handies, gute Beispiele für die Reinigung unseres Gewissens durch den Schuldspruch einer Obrigkeit. Wenn Eltern der technischen Entwicklung weiter hinterher hinken, als ihre Sprößlinge, ist es einfacher die Schuld dafür, dass Kinder Inhalte konsumieren, die offensichtlich weder für sie gedacht, noch für sie geeignet sind, nicht bei der eigenen Unfähigkeit zu suchen, sondern bei einer höheren Instanz, von der sie sich eigentlich Schutz erhoffen. Eigenverantwortung und die Beschäftigung mit dem, was die eigenen Kinder interessiert ist manchmal einfach zu anstrengend.
Davon ausgehend, könnte man sagen, dass wir selbst Schuld sind, wenn uns die Politik Dinge, wie Netzsperren oder ein Killerspielverbot vorsetzt. Sie geben uns, was wir, ihrer Meinung nach, wollen. Sie treiben Wahlkampf und gehen dabei auf die Bedürfnisse derjenigen ein, die es sich leicht machen wollen. Die Frage ist eben, ob wir dies wirklich wollen, oder ob wir nicht doch lieber ohne an die Hand genommen zu werden über die Straße gehen. Dafür dürfen wir dann aber auch entscheiden ob, wo und wann wir dies tun.
