Teo-Net Doppelt gestreift hält besser

17Apr/100

Blogparade: Utopie

Geschrieben von Teo

Drüben im Zementblog hat Jan eine Blogparade zu Utopien ins Leben gerufen. Er fragt danach, wie man sich die perfekte Gesellschaft vorstellt. Erstmal fand ich das uninteressant, weil ich Utopien für sinnlos hielt (wieso, wird ganz leicht schon in dieser Diskussion (mit Jan) deutlich). Dann habe ich überlegt, wie ich meinen Paraden-Beitrag zu einer genauen Erklärung für meine Ablehnung gegenüber Utopien machen kann. Schließlich habe ich dabei aus Versehen meine eigene Utopie formuliert. ich versuche den Gedankengang und mein Ergebnis hier für euch nachzuvollziehen.

In Vergangenheit und Gegenwart basieren die meisten Utopien auf Ideologien. Vertreter bestimmter Weltbilder formulieren dabei ihre Vorstellung einer Gesellschaft, die nach ihren Idealen geformt ist. Ziel einer jeden Utopie ist eine perfekte Welt. Viele Ideologien, wozu ich auch Religionen zählen würde, übersehen dabei, dass Menschen mit anderen Auffassungen existieren. Die Welt wird schließlich nur für Menschen perfekt, die das entsprechende Weltbild teilen. Das ist schlecht. Weshalb, möchte ich versuchen zu erläutern.

Viele Ideologien haben in der Vergangenheit bewiesen, dass sie niemals dauerhaft die Menschen dazu animieren konnten den Weg in ihr Utopia mitzugehen. Die Zeitspannen, in denen das möglich war, variieren dabei stark. Judentum, Christentum und andere Religionen scheinen dabei noch am längsten durchzuhalten, verlieren aber auch an Boden. Ein Utopia habe ich bei all den konkurrierenden Visionen noch nicht am Horizont erblicken können. Die Annäherungsversuche an eine perfekte Welt lassen zu wünschen übrig, mal abgesehen davon, dass gerade bei Religionen dieses Ziel aus den Augen verloren und eher auf die eigene Bereicherung gesetzt wird. Ein Grund für das vorprogrammierte Scheitern ist, dass die ideologischen Gebilde zu starr sind oder sich mit der Zeit verhärten. Dadurch können sie gesellschaftlichen und technischen Veränderungen nicht standhalten. Die Versuche dies zu tun sind oft künstlich und verkrampft. Schließlich kommt es zur Verletzung eigener Ideale und damit zum unweigerlichen Scheitern. Und dabei kratzen die meisten Ideologien mit ihren utopischen Visionen nur an der Oberfläche.

Nicht nur die Gesellschaft ist veränderlich, sondern auch die Wirtschaft, die Lebensbedingungen, das Weltklima und der Mensch selbst. Unbemerkt von uns ist der Mensch immer noch der Evolution unterworfen. Unsere Körper verändern sich langsam, aber beständig. Sollte es also gelingen sich an eine Utopie anzunähern, die alle anderen Faktoren überwinden und eine ideale Gesellschaft der Menschen errichten kann, wird sie spätestens dann scheitern, wenn der Mensch aufhört Mensch zu sein und etwas anderes wird. Eine Utopie aber sollte dauerhaft sein, damit sie perfekt sein kann. Meine Utopie soll ihren Fokus daher nicht auf den Menschen, sondern auf das Leben an sich richten.

"Survival of the fittest" (gemeinhin etwas unglücklich mit "Das Überleben des Stärkeren" übersetzt)  ist ein Zitat, dass jeder kennen sollte. Es bricht die Idee der Selektion von Charles Darwin, dem Vater moderner Evolutionstheorien, auf ein Minimum herunter. Seit einigen Jahrzehnten ist man jedoch der Auffassung, dass nicht Individuen, sondern Gene in Konkurrenz zueinander stehen. Diese Evolutionstheorie bezeichnet man als Genozentrismus oder Postneodarwinismus. Genauer gesagt konkurrieren in dieser Theorie Allele miteinander. Allele sind Ausprägungsformen von Genen. Zwei Menschen mit braunen Augen können unter Umständen ein Kind mit blauen Augen zeugen, weil beide Ausprägungen des Gens in ihrem Erbgut vorhanden sind. Die Theorie besagt weiter, dass die Allele Körper bilden, um ihre Chancen auf möglichst langes Überleben zu erhöhen. Dies manifestiert sich in höheren Organismen, die aus Milliarden von Zellen bestehen, von denen jede das gesamte Erbgut und damit alle Allele des Körpers enthält. Die Körper pflanzen sich fort und erhalten dabei die Allele. Die Körper variieren nur aufgrund von Neuanordnung (Rekombination) oder Veränderungen (Mutation) der Gene. Die Gene sind damit die bedeutendste Untereinheit des Lebens. Gleichzeitig bedeuten perfekte Bedingungen für die Körper auch perfekte Bedingungen für die Gene. Wobei über die Qualität und den langfristigen Nutzen einzelner Gene und Genveränderungen kein Urteil gebildet werden kann. Schließlich ist unbekannt, wohin die Evolution das Leben verschlägt und wie derzeit "unbrauchbare" oder "schädliche" Gene durch Rekombination und Mutation irgendwann überlebenswichtig werden könnten.

Daraus leitet sich folgender Grundsatz ab: Der dauerhafte Erhalt möglichst vielfältigen Lebens ist der Weg zur möglichst großen Annäherung an ein Utopia des Lebens. Auf die Ebene der Menschen und der gegenwärtigen menschlichen Gesellschaft übertragen, ergeben sich wiederum mehr oder weniger klare Handlungsanweisungen. Ich möchte nur einige zentrale Aspekte nennen:

Die Beeinträchtigung der Konkurrenzfähigkeit von Allelen ist abzulehnen. Dazu gehört der Mord an Menschen, Tieren und Pflanzen. Allerdings geht es hier nicht ohne Ausnahmen. Schließlich muss sich das meiste Leben von anderem Leben ernähren. Würde ein Löwe keine Gazellen reißen, würden er und seine Jungen verhungern, wodurch die Vielfältigkeit des Lebens Schaden nähme. An vielen Stellen ist es aus menschlicher Sicht nicht möglich zu überblicken, welche Faktoren die Vielfalt verringern oder verbessern und schon gar nicht, unter dem Aspekt der Dauerhaftigkeit. Die Natur reguliert hier normalerweise durch Mechanismen, wie dem Räuber-Beute-Prinzip selbstständig. Wo das natürliche Gleichgewicht jedoch durch den Menschen beeinträchtigt worden ist, darf er selbst an die Stelle der Natur treten und regulierend einschreiten (was selbstredend nicht so sensibel und akkurat funktionieren kann, wie die Natur selbst es könnte). Ausserdem soll es dem Menschen erlaubt sein durch Forschung und Experimente mehr über die Bedingungen des Lebens erfahren zu können, da er so die Wechselwirkungen der Natur besser überblicken kann. Dadurch soll er in die Lage versetzt werden, die Folgen seines eigenen Handelns für die Vielfalt des Lebens möglichst langfristig und genau einschätzen zu können und Verfahren zu entwickeln, um die Vielfalt des Lebens zu sichern. Die derzeitige Überbevölkerung durch den Menschen wird zu einem großen Problem für die Biodiversität. Das Nachwachsen zukünftiger Menschengenerationen muss daher auf jeden Fall verlangsamt werden. Derzeit lebende Menschen dürfen zu diesem Zweck nicht getötet oder in ihrer Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigt werden, da dies eine Beeinträchtigung der Konkurrenzfähigkeit von Allelen darstellen und zu künstlicher Selektion führen würde.

Die Handlungsanweisungen, die sich aus der grundlegenden Idee ableiten, müssen situationsbedingt und damit ständig angepasst werden. Der Weg in dieses Utopia ist also nicht geradlinig und statisch, sondern dynamisch und flexibel. Jedes Individuum, das dazu in der Lage ist, soll selbst in Eigenverantwortung die Handlungsmöglichkeiten auswählen, die in Einklang mit dem  dauerhaften Erhalt des Lebens stehen. Der Weg orientiert sich an den grundlegenden Mechanismen des Lebens und soll im Bewusstsein der unendlichen Zeit und des endlichen Lebens begangen werden. Das Ziel ist, das Leben so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Utopisch wäre, dass es ewig vorhanden sein wird.


9Mai/092

Wieviel Schutz kann die Freiheit vertragen?

Geschrieben von Teo

Die Debatten um Netzsperren, Waffengesetze und eine Aussage von Jackie Chan stimmen mich nachdenklich. Ich bin ein Freund klarer Verhältnisse, aber das Leben ist nunmal nicht binär. Aus diesem Grund ist es einigermaßen schwierig Grenzen klar zu definieren, was Verbote und Kontrolle durch den Staat angeht. Wieviel Freiheit wollen wir für unsere Sicherheit aufgeben? Welcher Grad des Kompromisses ist wirklich sinnvoll? Wenn man ein Verbot von Gotcha und Laserdrom damit begründet, es würde Töten simuliert, müsste man dann nicht auch Wasserpistolen und Cowboy-Spiele verbieten? Was ist mit dem Strecken des Zeigefingers bei geschlossener Faust? Ist dies nicht die Nachahmung einer Schusswaffe, mit der man in seiner Vorstellungskraft Menschen erschießt? Weitere Bereiche des fast alltäglichen Lebens schließen sich hier an. Sind Würstchen, die man an Halloween mit Mandeln und Ketchup verziert nicht die Simulation schrecklicher Verstümmelungen? Diese Beispiele mögen lächerlich klingen, sorgen aber durchaus für Probleme, wenn man die Erklärungen für die Verschärfung von Waffengesetz und Jugendschutz konsequent weiter denkt.

Schon dadurch, dass wir in einer Gesellschaft und nicht allein als Einsiedler leben, haben wir einen Teil unserer Freiheit gegen eine höhere Sicherheit getauscht. Wir unterwerfen uns tagtäglich Regeln, die für das Zusammenleben von Menschen unerlässlich sind. Das geht von allgemeinen Umgangsformen, wie einem "Gesundheit" nach einem Nieser, über Formalia, wie einer gemeinsamen Schrift und dem Einhalten der Rechtschreibung, bis hin zu Anti-Terror-Gesetzen und dem Zahlen von Steuern. Dies alles schränkt unsere Freiheit zu einem gewissen Grade ein. Die Frage ist nur, wo man die Grenze ziehen muss. Wie viel Freiheit will man dem Zusammenleben opfern und wieviele Opfer sind dafür überhaupt wirklich nötig? Wenn ein Prominenter, wie Mister Chan, sagt, dass Menschen Kontrolle bräuchten und Freiheit für Chaos sorge, dann setzt dies eine Denkweise voraus, die den Menschen weniger als Individuum und mehr als Teil eines großen Ganzen sieht. In der westlichen Welt haben die meisten Menschen eher ein Menschenbild, in dessen Zentrum das Individuum steht. Genau das ist auch der Grund, wieso die Diskussionen um schärfere Gesetze so viel Kritik auf den Plan rufen. Viele Menschen in Deutschland möchten nicht mehr von ihrer Freiheit preisgeben.

Ich sehe außerdem die Gefahr, dass manche die Verantwortung von sich selbst auf den Staat abwälzen. Wenn ich als Zwölfjähriger GTA 2 gespielt habe, war das nicht die Schuld des Staates, denn selbst damals war es erst ab 16 freigegeben. Meine Eltern haben einfach versäumt ab und an nachzuschauen, was ich da am Rechner anstelle. Computer und Internet sind, genauso wie Handies, gute Beispiele für die Reinigung unseres Gewissens durch den Schuldspruch einer Obrigkeit. Wenn Eltern der technischen Entwicklung weiter hinterher hinken, als ihre Sprößlinge, ist es einfacher die Schuld dafür, dass Kinder Inhalte konsumieren, die offensichtlich weder für sie gedacht, noch für sie geeignet sind, nicht bei der eigenen Unfähigkeit zu suchen, sondern bei einer höheren Instanz, von der sie sich eigentlich Schutz erhoffen. Eigenverantwortung und die Beschäftigung mit dem, was die eigenen Kinder interessiert ist manchmal einfach zu anstrengend.

Davon ausgehend, könnte man sagen, dass wir selbst Schuld sind, wenn uns die Politik Dinge, wie Netzsperren oder ein Killerspielverbot vorsetzt. Sie geben uns, was wir, ihrer Meinung nach, wollen. Sie treiben Wahlkampf und gehen dabei auf die Bedürfnisse derjenigen ein, die es sich leicht machen wollen. Die Frage ist eben, ob wir dies wirklich wollen, oder ob wir nicht doch lieber ohne an die Hand genommen zu werden über die Straße gehen. Dafür dürfen wir dann aber auch entscheiden ob, wo und wann wir dies tun.