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Zum fahrscheinlosen ÖPNV

Geschrieben von Teo

Wo sich gerade alles wegen dem vermeidlichen "Bundestrojaner" überschlägt und sogar unser allseits gelesener Fefe zu Aktionismus aufruft, möchte ich ein anderes Thema aufgreifen, dass ins Resort der Piraten-Partei fällt: Den fahrscheinlosen ÖPNV.

Schon vor einiger Zeit habe ich überlegt, welche Vorteile und welches Potential auf Realisierung ein solches Projekt haben könnte. Als ich dann im Berliner Wahlkampf erfahren habe, dass die Piraten dort diese Idee sogar im Parteiprogramm stehen haben, war ich hoch erfreut. So habe ich nun auch die Möglichkeit, auf Fakten und Diskussionen aus dem Piraten-Wiki zurückgreifen zu können, um meine Meinung zu verdeutlichen.

Zunächst mal muss geklärt sein, worüber hier diskutiert wird. Ein fahrscheinloser ÖPNV unterscheidet sich weniger vom aktuellen Modell, als man zunächst annehmen könnte. Schon jetzt wird der öffentliche Nahverkehr stark subventioniert. Bei der Umsetzung eines fahrscheinlosen ÖPNV würden die jetzigen Einnahmen durch Ticketverkäufe auf alle Steuerzahler umgelegt werden. Dies könnte eventuell abzüglich der Ersparnisse durch wegfallende Kontrollen und Wartungsarbeiten an Ticketautomaten stattfinden.

Die Vorteile des fahrscheinlosen ÖPNV sind vielfältig. Am offensichtlichsten ist die Entlastung von Schülern, Azubis und Studenten, aber auch Berufspendlern, die bereits mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind. Sie müssten keine teuren Monatskarten mehr anschaffen. Wir sprechen hier in manchen Fällen von 100-200€ im Monat, die gerade bei Schülern einen deutlichen Gebissabdruck im Portemonnaie hinterlassen. Die gesteigerte Mobilität käme aber auch Bevölkerungsgruppen zu Gute, die bisher nicht den ÖPNV nutzen. Familien beispielsweise profitieren eindeutig davon. Anders, als Bärbel Höhn bei Anne Will noch kundgetan hat, glaube ich nämlich nicht, dass eine Familie in einer Stadt zwangsläufig ein Auto benötigt (dass diese Aussage gerade von einer Vertreterin der Grünen kommt, hat mich zumindest irritiert). Im Gegenteil, denke ich, dass ein stabiler und günstiger ÖPNV Familien deutlich flexibler machen kann. In meiner nun schon dreijährigen Pendler-Zeit habe ich bereits einige Geschichten im Zusammenhang mit dem Tarifsystem der Verkehrsverbände erlebt, die mir ziemlich surreal vorkamen. Beispielsweise vergaß eine ältere Dame, augenscheinlich deutlich über 60, ihr Viererticket abzustempeln und galt daher als Schwarzfahrerin. Am aufgedruckten Datum und der Uhrzeit konnte man allerdings eindeutig erkennen, dass die Frau soeben erst in den Zug eingestiegen sein konnte. Der Kontrolleur hätte ihr lediglich das Ticket nachstempeln müssen. Solche ärgerlichen Fälle dürften ohne nervigem Tarifsystem der Vergangenheit angehören.

Ein attraktiverer ÖPNV würde zusätzlich die Innenstädte entlasten. Hierbei geht es um einen flüssigeren Verkehr durch weniger Autos auf den Straßen und eine Lösung des Parkplatz-Problems. Auch die Umwelt würde davon profitieren, da die Pro-Kopf-Emissionen von einem Auto mit 1-2 Insassen naturgemäß größer sind, als die eines bis auf den letzten Platz gefüllten Busses. Eine gesundere Stadtluft und weniger Probleme mit Ozon in den umliegenden, ländlicheren Gebieten, sowie weniger Treibhausgasemissionen wären die Folge. Ganz zu schweigen von der effektiveren Rohstoffnutzung. Für Städte wie Berlin und München ist sicherlich auch relevant, dass die kostenfreie Nutzung von Bus und Bahn auch Touristen begeistern könnte. Das Geld, das für Tickets eingespart wird, kann dann anderweitig verkonsumiert werden.

Augenscheinlich gibt es wenig was gegen die Einführung dieses Konzepts spricht. Es gibt auch bereits eine Umsetzung des kostenfreien Busverkehrs in der belgischen Stadt Hasselt, welche damit ziemlich gut zu fahren scheint. Die meiste Kritik heimsen Befürworter wegen des lieben Geldes ein. So etwas sei nicht finanzierbar, heisst es. Andere Dinge, wie Prestigebauten und neue Autobahnen sind es aber offenbar durchaus. Es geht hierbei um ein paar 100 Millionen Euro im Jahr, die teilweise auf die Bürger umgelegt und teilweise z.B. aus Emissions- und Park-Abgaben finanziert werden könnten. Weiterhin wäre denkbar solch ein Vorhaben offen als Umweltschutzprojekt zu deklarieren und entsprechende Mittel zu nutzen. Gleichzeitig profitieren die Bürger massiv durch größere Mobilität, gesundere Atemluft und eine eventuell verbesserte Wirtschaftslage. Gestaltet man den ÖPNV dann noch barrierefrei und macht ihn zuverlässiger, hielte man den heiligen Gral der Mobilität in der Hand. Das kostet natürlich Geld, aber im Vergleich zum Charakter einer Utopie, die per Definition unerreichbar ist, erscheint mir das hier doch wie ein trockener Hasenfurz.