Teo-Net Doppelt gestreift hält besser

5Mai/12Off

Film: Die Farbe

Geschrieben von Teo

Ein Horror-Film aus Deutschland, basierend auf einer Erzählung von H. P. Lovecraft und dann noch als Indie-Produktion. Kann das funktionieren? Die Verfilmung von Lovecraft'schen Geschichten ist bisher nie wirklich gelungen. Ob aktuelle Beispiele wie Dagon oder ältere Semester wie Re-Animator: Keiner hat es geschafft die besondere Erzählweise und die intensive Atmosphäre der Texte einzufangen und auf seine Bildsprache zu übertragen. Bei Die Farbe scheint dies durchaus geklappt zu haben.

Lovecrafts Horror basiert, ähnlich wie Hitchcocks, auf Suspense. Die Stimmung wird dermaßen gespannt, dass der Leser jeden Moment mit der Katastrophe rechnet. Es gibt selten explizite Szenen von Verstümmelung oder Gemetzeln. Das Hauptaugenmerk liegt in der Regel auf einem Erzähler, der im Verlauf der Geschichte langsam aber sicher dem Wahnsinn anheim fällt. Das ist für heutige Kinobesucher oft zu seicht, weshalb Filme wie Vertigo für jüngere Zuschauer oft eher ermüdend sind. So hat man dann bei Dagon, der Verfilmung von Schatten über Innsmouth auch ordentlich Kunstblut, Schleim und Titten eingefügt. Die Produktion von Die Farbe zielte allerdings nicht auf möglichst viele Zuschauer ab, sondern hatte es sich zum Ziel gesetzt, den Horror im Stile Lovecrafts auf die Leinwand zu bringen. Dabei erlaubte man sich durchaus einige Freiheiten gegenüber dem Originaltext, die wohl großteils dem geringen Budget zu schulden sind.

Die Farbe beginnt damit, dass der Amerikaner Jonathan Davis (Ingo Heise) sich irgendwann in den 1970ern auf die Suche nach seinen vor 2 Wochen verschwundenen Vater macht. Seine Suche führt ihn in ein bayrisches Dorf, in dem sein Vater nach dem 2. Weltkrieg stationiert war. Hier trifft er auf Armin Pierske (alt: Michael Kausch, jung: Marco Leibnitz), der seinen Vater kurz nach Kriegsende getroffen haben will. Pierske erzählt Davis von den schrecklichen Erlebnissen, die die beiden Männer gemeinsam erlebt haben. Alles begann mit einem mysteriösen Meteoriten, der in den 1930er Jahren in der Nähe des Hofes der Familie Gärtener eingeschlagen war. Pierske erzählt von den Wissenschaftlern, die versuchten das unbekannte Material zu untersuchen und dabei kläglich scheiterten, von den riesenhaften Früchten, über die sich die Gärteners im Anschluss an den Einschlag freuen durften und die Geisteskrankheit von Frau Gärtener. Die Details reihen sich aneinander und entfalten ihren ganzen Schrecken erst nachdem Pierske fertig ist.

Lovecrafts ursprüngliche Geschichte spielt natürlich nicht im Schwabenland, sondern in seinem immer gern verwendeten, aber vollkommen fiktiven Lovecraft Country, genauer: In einem Ort vor der Stadt Arkham. Die Farbe dagegen wurde hauptsächlich in der Nähe von Schwäbisch Hall in einem Freilichtmuseum gedreht. Im Grunde ist es für die Geschichte aber unerheblich, ob sie nun in den U.S.A. oder Deutschland stattfindet.

Viel wichtiger bei solchen Produktionen ist die Glaubwürdigkeit der Darsteller. Viele Zuschauer sind gerade bei deutschen Produktionen sehr kritisch, was deren Spielkunst angeht. Die Farbe wird allerdings nicht von einzelnen Darstellern, sondern von ziemlich vielen Schauspielern getragen. Dies ist schon in der verschachtelten Erzählweise angelegt und kommt dem Film zu Gute. Bei diesem Film hier gilt: Je mehr Screentime eine Figur hat, desto besser wird sie gespielt. Da wurde offensichtlich schon beim Casting  viel Wert drauf gelegt. So sind der junge Armin Pierske (Marco Leibnitz) und die Gärteners, allen voran Nahum (Erik Rastetter) recht gut besetzt. Bei den kleineren Rollen, wie den Trinkern im Gasthof merkt man leider doch ab und an deutlich, dass man hier Laien auf dem Bildschirm hat.

Die Optik des Films ist allerdings ein besonderer Leckerbissen. Man hat hier fast durchgängig in Schwarz-Weiss gearbeitet und einen speziellen Kamera-Eigenbau benutzt, der dem ganzen Film eine Art Bloom-Effekt verleiht. Dies wird hier tatsächlich als interagierendes Stilmittel, ähnlich wie bei Sin City, und nicht nur aufgepfropft benutzt.

Die Farbe verzichtet bei der Entwicklung seines Schreckens vollkommen auf Splatter oder andere Effekthascherei, was es sehr viel näher an die Vorlage bringt, als andere Lovecraft-Verfilmungen. Ich kenne dabei keinen anderen Film, der die typische Erzählweise des Autors so konsequent auf seine Bildsprache überträgt. Die ganzen Preise von Filmfestivals in den U.S.A. und anderswo, die auch auf der Startseite der Film-Homepage aufgelistet werden, hat Die Farbe also definitiv nicht ohne Grund erhalten. Sicherlich ist es hilfreich, wenn man Lovecrafts Stil bereits kennt und nach Möglichkeit auch mag, wenn man Die Farbe mögen möchte. Ansonsten könnte man sich an manchen Stellen durchaus langweilen.

Die Farbe ist ein gelungener Versuch den Erzählstoff von H. P. Lovecraft filmisch umzusetzen. Dass dieser Versuch aus Deutschland stammt, hat mich einigermaßen verwundert, hat den Film für mich aber noch etwas interessanter gemacht. Wer Lovecraft oder stillen, auf Suspense basierenden Horror  mag, sollte sich Die Farbe auf jeden Fall ansehen.