Blogparade: Utopie
Geschrieben von TeoDrüben im Zementblog hat Jan eine Blogparade zu Utopien ins Leben gerufen. Er fragt danach, wie man sich die perfekte Gesellschaft vorstellt. Erstmal fand ich das uninteressant, weil ich Utopien für sinnlos hielt (wieso, wird ganz leicht schon in dieser Diskussion (mit Jan) deutlich). Dann habe ich überlegt, wie ich meinen Paraden-Beitrag zu einer genauen Erklärung für meine Ablehnung gegenüber Utopien machen kann. Schließlich habe ich dabei aus Versehen meine eigene Utopie formuliert. ich versuche den Gedankengang und mein Ergebnis hier für euch nachzuvollziehen.
In Vergangenheit und Gegenwart basieren die meisten Utopien auf Ideologien. Vertreter bestimmter Weltbilder formulieren dabei ihre Vorstellung einer Gesellschaft, die nach ihren Idealen geformt ist. Ziel einer jeden Utopie ist eine perfekte Welt. Viele Ideologien, wozu ich auch Religionen zählen würde, übersehen dabei, dass Menschen mit anderen Auffassungen existieren. Die Welt wird schließlich nur für Menschen perfekt, die das entsprechende Weltbild teilen. Das ist schlecht. Weshalb, möchte ich versuchen zu erläutern.
Viele Ideologien haben in der Vergangenheit bewiesen, dass sie niemals dauerhaft die Menschen dazu animieren konnten den Weg in ihr Utopia mitzugehen. Die Zeitspannen, in denen das möglich war, variieren dabei stark. Judentum, Christentum und andere Religionen scheinen dabei noch am längsten durchzuhalten, verlieren aber auch an Boden. Ein Utopia habe ich bei all den konkurrierenden Visionen noch nicht am Horizont erblicken können. Die Annäherungsversuche an eine perfekte Welt lassen zu wünschen übrig, mal abgesehen davon, dass gerade bei Religionen dieses Ziel aus den Augen verloren und eher auf die eigene Bereicherung gesetzt wird. Ein Grund für das vorprogrammierte Scheitern ist, dass die ideologischen Gebilde zu starr sind oder sich mit der Zeit verhärten. Dadurch können sie gesellschaftlichen und technischen Veränderungen nicht standhalten. Die Versuche dies zu tun sind oft künstlich und verkrampft. Schließlich kommt es zur Verletzung eigener Ideale und damit zum unweigerlichen Scheitern. Und dabei kratzen die meisten Ideologien mit ihren utopischen Visionen nur an der Oberfläche.
Nicht nur die Gesellschaft ist veränderlich, sondern auch die Wirtschaft, die Lebensbedingungen, das Weltklima und der Mensch selbst. Unbemerkt von uns ist der Mensch immer noch der Evolution unterworfen. Unsere Körper verändern sich langsam, aber beständig. Sollte es also gelingen sich an eine Utopie anzunähern, die alle anderen Faktoren überwinden und eine ideale Gesellschaft der Menschen errichten kann, wird sie spätestens dann scheitern, wenn der Mensch aufhört Mensch zu sein und etwas anderes wird. Eine Utopie aber sollte dauerhaft sein, damit sie perfekt sein kann. Meine Utopie soll ihren Fokus daher nicht auf den Menschen, sondern auf das Leben an sich richten.
"Survival of the fittest" (gemeinhin etwas unglücklich mit "Das Überleben des Stärkeren" übersetzt) ist ein Zitat, dass jeder kennen sollte. Es bricht die Idee der Selektion von Charles Darwin, dem Vater moderner Evolutionstheorien, auf ein Minimum herunter. Seit einigen Jahrzehnten ist man jedoch der Auffassung, dass nicht Individuen, sondern Gene in Konkurrenz zueinander stehen. Diese Evolutionstheorie bezeichnet man als Genozentrismus oder Postneodarwinismus. Genauer gesagt konkurrieren in dieser Theorie Allele miteinander. Allele sind Ausprägungsformen von Genen. Zwei Menschen mit braunen Augen können unter Umständen ein Kind mit blauen Augen zeugen, weil beide Ausprägungen des Gens in ihrem Erbgut vorhanden sind. Die Theorie besagt weiter, dass die Allele Körper bilden, um ihre Chancen auf möglichst langes Überleben zu erhöhen. Dies manifestiert sich in höheren Organismen, die aus Milliarden von Zellen bestehen, von denen jede das gesamte Erbgut und damit alle Allele des Körpers enthält. Die Körper pflanzen sich fort und erhalten dabei die Allele. Die Körper variieren nur aufgrund von Neuanordnung (Rekombination) oder Veränderungen (Mutation) der Gene. Die Gene sind damit die bedeutendste Untereinheit des Lebens. Gleichzeitig bedeuten perfekte Bedingungen für die Körper auch perfekte Bedingungen für die Gene. Wobei über die Qualität und den langfristigen Nutzen einzelner Gene und Genveränderungen kein Urteil gebildet werden kann. Schließlich ist unbekannt, wohin die Evolution das Leben verschlägt und wie derzeit "unbrauchbare" oder "schädliche" Gene durch Rekombination und Mutation irgendwann überlebenswichtig werden könnten.
Daraus leitet sich folgender Grundsatz ab: Der dauerhafte Erhalt möglichst vielfältigen Lebens ist der Weg zur möglichst großen Annäherung an ein Utopia des Lebens. Auf die Ebene der Menschen und der gegenwärtigen menschlichen Gesellschaft übertragen, ergeben sich wiederum mehr oder weniger klare Handlungsanweisungen. Ich möchte nur einige zentrale Aspekte nennen:
Die Beeinträchtigung der Konkurrenzfähigkeit von Allelen ist abzulehnen. Dazu gehört der Mord an Menschen, Tieren und Pflanzen. Allerdings geht es hier nicht ohne Ausnahmen. Schließlich muss sich das meiste Leben von anderem Leben ernähren. Würde ein Löwe keine Gazellen reißen, würden er und seine Jungen verhungern, wodurch die Vielfältigkeit des Lebens Schaden nähme. An vielen Stellen ist es aus menschlicher Sicht nicht möglich zu überblicken, welche Faktoren die Vielfalt verringern oder verbessern und schon gar nicht, unter dem Aspekt der Dauerhaftigkeit. Die Natur reguliert hier normalerweise durch Mechanismen, wie dem Räuber-Beute-Prinzip selbstständig. Wo das natürliche Gleichgewicht jedoch durch den Menschen beeinträchtigt worden ist, darf er selbst an die Stelle der Natur treten und regulierend einschreiten (was selbstredend nicht so sensibel und akkurat funktionieren kann, wie die Natur selbst es könnte). Ausserdem soll es dem Menschen erlaubt sein durch Forschung und Experimente mehr über die Bedingungen des Lebens erfahren zu können, da er so die Wechselwirkungen der Natur besser überblicken kann. Dadurch soll er in die Lage versetzt werden, die Folgen seines eigenen Handelns für die Vielfalt des Lebens möglichst langfristig und genau einschätzen zu können und Verfahren zu entwickeln, um die Vielfalt des Lebens zu sichern. Die derzeitige Überbevölkerung durch den Menschen wird zu einem großen Problem für die Biodiversität. Das Nachwachsen zukünftiger Menschengenerationen muss daher auf jeden Fall verlangsamt werden. Derzeit lebende Menschen dürfen zu diesem Zweck nicht getötet oder in ihrer Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigt werden, da dies eine Beeinträchtigung der Konkurrenzfähigkeit von Allelen darstellen und zu künstlicher Selektion führen würde.
Die Handlungsanweisungen, die sich aus der grundlegenden Idee ableiten, müssen situationsbedingt und damit ständig angepasst werden. Der Weg in dieses Utopia ist also nicht geradlinig und statisch, sondern dynamisch und flexibel. Jedes Individuum, das dazu in der Lage ist, soll selbst in Eigenverantwortung die Handlungsmöglichkeiten auswählen, die in Einklang mit dem dauerhaften Erhalt des Lebens stehen. Der Weg orientiert sich an den grundlegenden Mechanismen des Lebens und soll im Bewusstsein der unendlichen Zeit und des endlichen Lebens begangen werden. Das Ziel ist, das Leben so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Utopisch wäre, dass es ewig vorhanden sein wird.
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