Das digitale Ich und das analoge Ableben
Geschrieben von TeoDie stille Jahreszeit und einige familiäre Vorkommnisse lassen mich derzeit dunkle Gedanken entwickeln. Das Sterben ist in unser aller Leben allgegenwärtig. Das Leben ist auch immer gleichzeitig sterben, aber wir verdrängen diese Tatsache meistens. Ein kleiner, aber in seiner Bedeutung immer größer werdender Aspekt des Sterbens ist der digitale Nachlass eines Menschen.
Für wen sich das etwas übertrieben anhört, dem mag ich den Zusammenhang gern erklären. Eine Situation wie diese gab es noch nie: Fast 70% der Bevölkerung in Deutschland nutzt aktiv das Internet. Ganze 78% der 14-19 Jährigen nutzen Communities wie Schüler-VZ oder Facebook, 27% aller Nutzer sind in Foren oder Chats aktiv (Zahlen aus der ARD/ZDF Onlinestudie). Da bleibt vor allem bei jüngeren Nutzern eine Menge Datenmaterial zurück. Hochgeladene Fotos, Foreneinträge, Profile mit persönlichen Angaben oder E-Mails verbleiben im Netz, auch wenn der ursprüngliche Urheber gar nicht mehr unter uns weilt. Die Anonymität im Internet und das laisser-fair-Verhalten der Nutzer lässt die Betreiber der Angebote höchstens glauben, der Nutzer sei inaktiv geworden, auch wenn dieser längst den Fährmann grüßt.
Eine gewisse Brisanz erhält das Ganze, wenn man finanzielle Aspekte einbezieht. Woher wissen Hinterbliebene ohne Passwort, ob auf dem PayPal-Konto noch Guthaben ist? Sind Softwarelizenzen oder Musik gekauft worden, die irgendwo brach liegen? Bei physisch vorhandenen Werten ist das etwas einfacher. Die Gegenstände werden eingemottet oder bleiben an Ort und Stelle. Hinterbliebene können auch Jahrzehnte später noch Schmuckstücke des Verstorbenen finden, ganz ohne Probleme. Die Online-Werte sind hingegen aus den Augen, aus dem Sinn. Ähnliches gilt für Onlinetagebücher. Wer sein Blog als solches benutzt, muss damit rechnen, dass seine Schriftstücke irgendwann einfach gelöscht und Hinterbliebene niemals Einblick darin erhalten werden. Wer ein Tagebuch aus Papier schreibt, kann sich ziemlich sicher sein, dass die Zeilen irgendwann einmal von Menschen gelesen werden, denen man etwas bedeutet hat.
Ich wollte wissen, ob Anbieter von Web 2.0-Diensten bereits Erfahrungen mit dem Ableben von Nutzern gemacht haben und ob sie mir ihr Vorgehen in solchen Fällen etwas näher bringen könnten. Dazu habe ich einige namhafte Vertreter des Mitmachwebs angeschrieben und bekam in den meisten Fällen eine äußerst rasche (und erfreulicherweise in jedem Fall eine) Antwort. Prinzipiell erfährt ein Blog- oder Forenbetreiber wohl nur äußerst selten vom Tod eines Kommentators oder Nutzers. Das ist so weit verständlich, da Angehörige sicher andere Dinge im Kopf haben, als Kommentare und Forenbeiträge des soeben Verstorbenen löschen zu lassen. Sowohl Markus Beckedahl von Netzpolitik.org, als auch André Vatter von Basicthinking.de versicherten mir, dass sie noch nie von Hinterbliebenen kontaktiert worden wären. Bei Apfeltalk.de scheint es wohl bereits einen einzelnen Fall gegeben zu haben. Alle drei Genannten erklärten, sie hätten kein Standardverfahren für solche Fälle, was in Anbetracht der raren Vorkommnisse durchaus verständlich ist. Die ausführlichste Antwort bekam ich aus dem Support des Browsergames Freewar.de. Dort scheint es vor Allem innerhalb des Spiels häufiger zu Meldungen über den realen Tod von Spielern zu kommen. Der Support selbst hatte bisher nur mit sehr verworrenen und zweifelhaften Sterbefällen zu tun. Man erklärte mir, dass die meisten Meldungen wohl eher falsch seien. Da das Spiel auch von vielen Pubertierenden genutzt wird, die vielleicht mal Unsinn machen, ist diese Einschätzung nachvollziehbar. Bei den "Großen" erwartete ich, dass die Sache etwas anders liegt. Man wollte mir weder bei PayPal (wo man trotz meinem Hinweis auf Recherchen wohl glaubte ich sei selbst betroffen), noch im iTunes-Store mitteilen, ob es bereits Fälle gab, in denen Hinterbliebene um Accountlöschung und Erstattung der Guthaben baten. iTunes hält es da wohl ähnlich wie die "Kleinen": Sie wollen keine pauschale Auskunft geben und von Fall zu Fall entscheiden. Der Kundenservice von PayPal schien mir aber eine vorgefertigte Liste mit Bedingungen und Hinweisen zur Übertragung des Guthabens auf ein anderes PayPal- oder Bankkonto zu schicken.
Beinahe alle Angeschriebenen wollten im Fall der Fälle allerdings nicht ohne mehr oder weniger eindeutige Nachweise über den Tod des Nutzers handeln. Die ausführlichsten Angaben dazu erhielt ich von PayPal. Dort möchte man neben genauen Ausführungen des Erben oder Nachlassverwalters auch wichtige Dokumente, wie die Sterbeurkunde des Kontoinhabers, eine Kopie des Testaments oder anderer rechtskräftiger Unterlagen und einen Nachweis über die Identität des Erben. Nicht verschweigen möchte ich, dass die Übertragung des Guthabens auf ein Konto, das nicht bei PayPal verzeichnet ist, 40$ kosten soll. Ähnlich detaillierte und ziemlich identische Informationen erhielt ich vom Website-Hoster All-inkl. Auch die meisten anderen wollten zumindest eine Kopie der Sterbeurkunde zu Gesicht bekommen. Das ist verständlich und in meinen Augen wichtig, denn nicht nur in Geldfragen, kann der Missbrauch dieses sensiblen Themas einträglich sein. André Vatter führte dazu aus, dass es schwer sei Kommentare auf Wunsch Dritter einfach so zu löschen, "da beispielsweise auch einige Unternehmen ein großes Interesse daran haben, unliebsame Einträge entfernen zu lassen". Nachdem eindeutige Nachweise erfolgt sind, wollten alle Dienstanbieter den Wünschen der Hinterbliebenen nachkommen. Im StudiVZ würde man dann entweder das Nutzerprofil löschen oder den Eltern Zugriff darauf ermöglichen.
Facebook geht derzeit genau in die entgegengesetzte Richtung. Hier werden Sonderprofile für Verstorbene eingerichtet, wenn das gewünscht ist. In den USA und Schweden soll demnächst ein Dienst starten, der sich auf digitale Testamente spezialisiert hat. Der Nutzer kann dann im Leben entscheiden, was im Tode mit seinen Profilen in sozialen Netzwerken, Blogs oder anderen Homepages geschehen soll. Das Angebot namens Mywebwill.com soll später auch in Deutschland verfügbar sein.
Ich halte dieses Thema für unterschätzt. Wir verdrängen gern das Ende, aber jeder von uns wird einmal an den Punkt kommen, an dem wir aus dem Leben scheiden. Ich habe mir bis vor Kurzem noch gar keine Gedanken darüber gemacht, was dann mit meinem virtuellen Nachlass passieren wird. In meiner Familie gibt es wohl niemanden, der wüsste, wie mein Webhosting oder die Socialnetwork-Accounts abzuwickeln wären. Ich kann mir vorstellen, dass es anderen ähnlich geht und man manchmal selbst den Überblick darüber verliert, wo man überall seine Spuren hinterlassen hat.
Habt ihr euch schon ein mal mit dem Thema auseinandergesetzt? Sind eure digitalen Güter bereits in ein Testament aufgenommen worden? Habt ihr Verwandte, die eure digitale Habe für euch abwickeln könnten und würden?
Aus dem Archiv:

Dezember 17th, 2009 - 12:54
Ich hab mir vor kurzem auch mal darüber Gedanken gemacht. Es ist einfach nirgends vorgesehen, dass ein Nutzer stirbt – aber genau dafür muss eine Lösung gefunden werden. Wenn alles einfach „unbenutzt“ liegen bleibt, sind die sozialen Netzwerke in 50, 100 oder 200 Jahren (ich geh jetzt einfach mal davon aus, dass sie nicht so schnell verschwinden werden) überwiegend von Toten bevölkert. Denen man immer noch Nachrichten schicken, sie auf eine Party einladen oder „gruscheln“ kann. Bin mal gespannt, wie sich das entwickelt.
Für mich persönlich dürfte es genügen, wenn jemand aus dem Familien- oder Freundeskreis an meinen Mac kommt, das Passwort dazu ist zwei oder drei Leuten bekannt. Bleibt die Frage, was die dann machen sollten – die Profile einfach löschen? Ändern? Oder doch alles belassen?
Dezember 17th, 2009 - 23:06
Ich denke dazu müssen wir nichtmal 50 Jahre weit gehen. Immerhin gibt es das Internet selbst bisher nichtmal so lange. Die Datensätze und Fotos werden die Serverkapazitäten wohl irgendwann überschreiten. Meine eigene Einschätzung sagt mir, dass das schon innerhalb der nächsten 10 Jahre soweit sein könnte. Gerade an YouTube sieht man, was für Datenmengen zusammenkommen können, wenn man auf User-Content baut. Wer weiss was für Dateizusätze und -typen in den nächsten Jahren auf uns warten werden?
Ich habe aus den Überlegungen für mich beschlossen mein Nutzerpasswort für mein MacBook irgendwo zu hinterlegen. Ausserdem werde ich wohl demnächst eine Auflistung über meine Accounts und Anmeldungen führen und aktuell halten. So sollte es wesentlich einfacher sein zumindest kritische Dienste, wie PayPal oder soziale Netzwerke abzuwickeln.
Dezember 21st, 2009 - 21:15
Was die Datenmengen angeht, so unterschätzt du die Möglichkeiten, die es bisher schon gibt und in Zukunft auch geben wird. Die Speicherung von Datenmengen ist und wird in Zukunft kein Problem darstellen und von übervollen Servern müssen wir dabei nicht reden.
Auch gibt es doch bei den meisten Anbietern die eingebaute Funktion, dass inaktive Accounts nach einer Zeit automatisch gelöscht werden, oder? Zumindest aus Freewar ist mir das definitiv bekannt. Aktivere Accounts verschwinden so nach 1-1,5 Jahren.
Kritischer sehe ich das ganze also weniger bei normalen Foren, Spielen, Netzwerken, sondern vielmehr, wenn jemand wirklich im Netz aktiv war in Bezug auf Geld -> eigenen Webspace, Domain, Onlinekonten. Den Webspace entsprechend zu kündigen, die Domain freizugeben oder anders zu verwerten und das Konto aufzulösen dürfte dann ein Akt der Hinterbliebenen werden. Alles andere, insbesondere bei Kommentaren, sehe ich als harmlos bis unwichtig an.
lg
Dezember 26th, 2009 - 01:34
Es ist durchaus bereits über Einträge Verstorbener in Internet-Communities nachgedacht worden: http://www.trauerkulturblog.de/facebook-memorialized-profiles
Dezember 26th, 2009 - 10:46
Jup, die memorialized Profiles habe ich im Artikel ja auch erwähnt
Dezember 26th, 2009 - 13:19
Ups, das hab ich gar nicht gesehen, entschuldige. Hatte nicht den ganzen Artikel gelesen, aber die ganzen Kommentare.