Teo-Net Doppelt gestreift hält besser

23Jun/09Off

Wie man einen Sitzplatz in vollen Zügen bekommt

Geschrieben von Teo

Gegen das Micro-Sommerloch, welches sich hier derzeit auftut, hilft nur eins: Lebensratschläge. Nachdem ich schon erklärt habe, wie man Rechtschreibfehler vermeidet, gibt es nun auch noch Tipps, wie man im Berufsverkehr auf der Schiene zu einem Sitzplatz kommt. Mittlerweile schöpfe ich aus 9 Monaten Fahrgasterfahrung bei der Deutschen Bahn und habe mir bereits zu Anfang einige Gedanken zu taktisch klugem Einsteigen gemacht.

Grundsätzlich gilt: Je schneller man im Zug ist, desto größer ist die Chance auf einen Sitzplatz. Die Anstandsregeln dürfen deshalb aber nicht vergessen werden und sollten wichtiger sein, als der eigene  vermeidliche Vorteil. Wer schlau ist, braucht nicht drängeln und schubsen und seine Mitmenschen mit seinen Ellenbogen zu traktieren. Drängler nerven und können einem den Feierabend vermiesen. Ob sie sich mit ihrem Geschubse helfen, ist ebenfalls fraglich. Häufig ist ein aufmerksames Verhalten und Hilfe für Mitfahrende sogar besser für die Entlastung der eigenen Füße. Alte Leute mit schweren Koffern sind langsam beim Aus- und Einsteigen, genau wie Rollstuhlfahrer. Steht man gerade an einer Tür, aus der beispielsweise eine ältere Dame mit mehreren Koffern aussteigen möchte, kann man den Ausstieg beschleunigen, in dem man seine Hilfe anbietet. Dadurch wird die Tür schneller frei, das Ömchen hat weniger zu schleppen und man selbst kann schneller einsteigen. Die Verbesserung der Chancen auf einen Sitzplatz beginnen jedoch schon viel früher: Noch vor der Einfahrt des Zuges.

Bahnsteigmathematik
Wie beim Autofahren ist auch auf dem Bahnsteig ein vorausschauendes Verhalten angebracht. Je nach Anordnung der Treppenaufgänge und Zugtyp variiert die Taktik bei der eigenen Positionierung am Bahnsteig, weshalb ich mich an Einzelfällen orientiere um die Prinzipien zu verdeutlichen. Zunächst sollte man mögliche Anzeigetafeln beachten. Diese zeigen an, wo sich die Wagen der ersten Klasse befinden und in welchen Abschnitten man auch mit einem Ticket zweiter Klasse einsteigen kann. Sind keine Anzeigen vorhanden, befindet sich die erste Klasse meistens am Ende oder am Anfang des Zuges. Wer auf Nummer sicher gehen will, orientiert sich also zur Mitte des Zuges hin. Risikobereite können auch versuchen vorn oder hinten in den Zug einzusteigen, wo meist weniger Fahrgäste pro Zugtür warten. Wer dann aber einen Wagon der ersten Klasse erwischt, hat das Nachsehen (Jemand mit Ticket erster Klasse wird selten Probleme bei der Platzsuche haben). Prinzipiell ist es also besser sich da aufzustellen, wo nicht schon zig andere stehen. Manchmal sind einige Türen absolut verstopft, wohingegen andere vor Leere gähnen. Wenn sich alle gleichmäßig verteilen hat jeder auch die gleichen Chancen schnell in den Zug und zum Sitzplatz zu kommen.

Wie beim Adventskalender
Nun muss man noch eine Tür erwischen. Idealerweise steht man so, dass sich eine Tür, nachdem der Zug gehalten hat, genau vor einem befindet. Das ist schon eine Disziplin für Fortgeschrittene. Ich habe festgestellt, dass es einfacher ist die Tür zu treffen, wenn man sich während des Bremsvorgangs des Zugs parallel zu ihm mitbewegt. Hier sind Fingerspitzengefühl und Übung gefragt. Neben der Position längs des Bahnsteigs, spielt auch der Abstand zum Gleis eine entscheidende Rolle: Je näher man an der Bahn steht, desto näher ist man auch an der Tür und desto weniger andere Fahrgäste stehen zwischen dem Sitzplatz und einem selbst. Die Abstands-Empfehlung, so nenne ich mal die meist weisse Linie, die Wartende bei der Einfahrt des Zuges, laut Bahn, nicht überschreiten sollten, wird von so gut wie niemandem ernst genommen. Sobald man sich in den Wettbewerb um einen Sitzplatz begibt, ist man also darauf angewiesen diese Linie zu überschreiten - auf eigene Gefahr! Bei aller Liebe zur Schuhsohle: Bitte achtet auf einen vernünftigen Abstand zum einfahrenden Zug und fallt nicht vom Bahnsteig, das könnte sonst böse enden.

Sesam öffne dich
Wenn man nun in der Nähe einer Tür ist und sich dort sogar Chancen auf einen Sitzplatz im Zug ausrechnet, gibt es noch einige Dinge beim Einstieg zu beachten. Handelt es sich um einen zweistöckigen Zug, wie einen Regional-Express, dann ist es immer besser an der Seite der Tür zu stehen, die dem Treppenaufgang zur zweiten Ebene des Zuges, entgegengesetzt ist. Auf dieser Seite reißt der Strom der Aussteigenden schneller ab, also kann man schneller selbst einsteigen. Vermutlich liegt dies daran, dass diejenigen, die von der unteren Ebene kommen, weniger Überblick haben und daher direkt aus der Türhälfte aussteigen, die ihnen am nächsten liegt. Die andere Seite ist somit für einige Fahrgäste sogar abgeschnitten und nicht erreichbar. Während des Einsteigens sollte man dann Ruhe bewahren. Gerade wenn man ohnehin in der ersten Reihe beim Einsteigen steht, muss man niemanden anrempeln. Hier ist dann eigentlich nur noch zu beachten, dass man sich einen schnellen Überblick verschaffen sollte und dann nicht mit dem Strom schwimmt. Hat man die Wahl zwischen oberer und unterer Etage, sollte man die aussuchen, in die weniger Bahnfahrer hineinströmen. Auch hier gilt das Prinzip der gleichmäßigen Verteilung.

Sonderfälle
Auch beim Bahnfahren gibt es natürlich Sonderfälle und Ausnahmen. Mir ist beispielsweise aufgefallen, dass sich kaputte Türen wunderbar nutzen lassen, um leichter an freie Plätze zu kommen. Dazu steigt man einfach an der nächstgelegenen Tür des angrenzenden Wagons ein und geht dann in das Abteil mit der kaputten Tür. Manchmal funktioniert das gleiche Prinzip auch mit Wagons, die sowohl die erste, als auch die zweite Klasse beherbergen. Etwas komplizierter wird die Sitzplatzsuche bei einigen Zügen privater Anbieter. Hier gibt es oft weniger Türen, was den Konkurrenzkampf unter den Fahrgästen etwas verstärkt. Im Prinzip gelten hier die gleichen Richtlinien, wie bei anderen Zügen auch, allerdings ist die Chance bei vielen Pendlern größer, dass man sich mit einem Stehplatz begnügen muss.

Abschließend möchte ich meine Aufforderung vom Anfang wiederholen: Bitte das Ganze nicht zu verbissen sehen. Ob man einen Sitzplatz oder einen Stehplatz bekommt, hängt sowohl vom Wochentag, als auch von der Uhrzeit ab, zu der man unterwegs ist. Auch die Stationen in der Nähe tragen ihren Teil bei. Wenn man kurz vor einem beliebten Fahrtziel einsteigt, wird der Zug recht voll sein, was nach diesem Fahrtziel schon wieder ganz anders sein kann. Wenn sich der Zug dann leert, hat man immer noch die Chance auf einen Sitzplatz.


Kommentare (2) Trackbacks (1)
  1. Eigentlich müsste ich das ganze ja mal probieren. :) Aber dann müsste ich mir ja eine DB-Fahrkarte kaufen und das möchte ich eigentlich nicht tun, da ich absolut kein Freund der DB bin (ich drücke dass jetzt mal so diplomatisch aus). ;)

    Trotzdem eine nette Sache. Ich glaube, der eine oder andere wird davon profitieren können. :)

  2. Ich kann dir da nur zustimmen, ich als langjäriger Bahnfahrer. Bei den Doppeldecker sollte man immer an der Tür anstellen, wo der Abstand zwischen der Halterung und der Wand am kürzesten ist. Das ist bei den Waggons immer die, die zum Verbindungsgang führt, egal wo jetzt der Treppe zum zweiten Stock ist. Die Menschen nehmen instiktiv den größeren Druchgang, so dass der schmale immer ganz schnell leer wird.

    Ich habe festgestellt, dass selbst wenn der schmale Durchgang leer ist, die Leute, die eigentlch freien Zugang zu hätten sich trotztem für die Schlange in den breiteren Durchgang anstellen

    Michael